Ein Plädoyer für die Leere

Alles ist möglich! Dieses Gefühl überkommt mich meist im Urlaub, am verlängerten Wochenende, an dem nichts geplant ist, außer Offenheit für und Neugier auf das, was kommt. Einen Roman schreiben, einen Veranstaltungsraum mieten, der genauso aussieht, wie ich mir das in meinen Träumen regelmäßig ausmale, alle meine Ideen und noch zehn weitere tolle Projekte verwirklichen, den Winter kreativ arbeitend in wärmeren Gefilden am Meer verbringen … und mit all dem auch noch soviel zu verdienen, dass ich gut davon leben kann. Außerdem: Gesangsunterricht nehmen (ich kann nicht gut singen, es würde mir aber Spaß machen!), viel bewusster einkaufen (nur das, was ich nachher nicht bereue!), abnehmen, dreimal pro Woche Jogging oder Walking und mich rundherum wohlfühlen… kein Problem: Ich tu’s einfach!

Und dann kommt der Montag Morgen: Zeit, um wenigstens EINEN der Träume in Richtung Realisierung voranzutreiben? Wenigstens EINEN guten Vorsatz zu umzusetzen? Später. Denn bevor ich mich an den Schreibtisch setze, muss noch rasch die Waschmaschine entleert und wieder mit einer neuen Ladung Schmutzwäsche befüllt werden. Dann die notwendigen Routinearbeiten, wie die Website warten, Mails beantworten, eine Recherche abschließen, einen dringenden Auftrag erledigen, Termine checken … Dabei werde ich aufgehalten, weil ich für Tochter 1 einen Kurs suchen und buchen muss, für Tochter 2 eine Überweisung checken. Dann bestelle ich noch rasch meine Kontaktlinsen online nach und fahre zum Supermarkt, um wenigstens ein paar Grundnahrungsmittel einzukaufen…

… und plötzlich ist es Abend. Die Bilanz des Tages: Routinearbeiten und Alltagskram erledigt, für meine eigenen Ideen und Herzensprojekte war leider keine Zeit, ebenso wenig dafür, zwischendurch bei einem Spaziergang oder einer Jogging-Runde das Hirn freizubekommen und mir dabei etwas Gutes zu tun. Vom ständigen Sitzen tut mir das Kreuz weh, ich muss dringend nach Hause, um mich wenigstens zum Abendessen bei der Familie blicken zu lassen, dann sinke ich ermattet vor dem Fernseher auf die Couch und verplempere meine Freizeit mit der Montag-Abend-Serie anstatt eine Runde um den See zu laufen oder im Bett, einen spannenden Thriller lesend, anstatt mir Gedanken über einen eigenen Roman zu machen.

Zugegeben: Das ist nicht immer so. Aber viel zu oft. Und meine Träume, Ideen, Herzensprojekte, die mir im Urlaub so einfach erscheinen, rücken in den Hintergrund. Nicht, dass ich sie vergessen würde – im Gegenteil: „Tu’s doch endlich!“ rufen sie mir immer noch zu und machen mir ein schlechtes Gewissen. Denn jetzt erscheint mir diese Aufforderung nahezu unmöglich: Keine Zeit, kein Startkapital, keinen passenden Raum, keine … es gibt 1000 Gründe, warum das scheinbar Einfache plötzlich unrealisierbar erscheint.

 

Was lerne ich daraus?

Leere bietet Möglichkeiten. (c) Setting my Stage - Su Sametinger

© Setting my Stage – Susanne Sametinger

 

Leere bietet Möglichkeiten – (Über- )Fülle lässt keinen Raum für Neues!

 

Wann kommen die Ideen, die Wünsche? Wann habe ich das Gefühl, genau zu wissen, was „mein Ding“ ist und das Vertrauen und die Zuversicht, dass ich es schaffe, es zu realisieren? Immer dann, wenn ich eine gewisse Leere zulasse. Im Urlaub (den ich nur in Ausnahmefällen und sehr ungern mit Aktivitäten verplane), am freien Wochenende, bei der Jogging-Runde ohne Kilometerzähler und Puls-Uhr … Deshalb: Lasst mehr Leere zu! Keine Routinetätigkeit der Welt kann so wichtig sein, dass wir uns der Chancen berauben, die sie uns bietet!